Kügelchen stören beim Küssen

erschienen in: ICON (Das Stil Magazin in Welt am Sonntag), März/April 2010

Anti-Aging-Medizinerin Barbara Sturm über den ästhetischen Wahnsinn einer furchtbar-faszinierenden Welt

Los Angeles ist eine Art moderner Wallfahrtsort, mit sehr modernen Gelübden: Reich und extrem sind die Glück­seligkeit versprechenden Eigenschaften der Stunde. In Hollywood ist alles extra schnelllebig. Was heute in ist, ist morgen höchstwahrscheinlich schon wieder out. Der große Erfolg kann von ebenso kurzer Dauer sein wie die Babypause von Heidi Klum, ganz nach Lust und Laune der Hollywood-Stars. Beim Friseur, wo man heute noch die bes­ten Strähnchen bekommt - wenngleich seit 4o Jahren immer die glei­che Farrah-Fawcett-Mähne - , ist am nächsten Tag möglicherweise nichts mehr los - weil eine einen neuen Haargott entdeckt hat. Und schon pilgern die anderen hinterher.

Genauso verhält es sich mit Ärzten, mit Trainern, mit Restaurants, ei­gentlich mit allem, was mit Dienstleistung rund um den polierten Schein zu tun hat. Aber auch wenn sich die Wegmarkierungen der Pil­gerroute sich ständig ändern, die Ziele sind seit Langem die gleichen: ewige Jugend, ewige Schönheit, ewiger Erfolg und ewige Berühmtheit. Eben die ewig perfekte Vorstellung.

Vor allem Schönheit gilt als Garant und Voraussetzung für den Erfolg. In Hollywood gibt es die schönsten Kellner, Gärtner, Verkäufer und Ta­xifahrer, die eigentlich alle verhinderte Schauspieler, Models oder Re­gisseure sind und nur noch auf den großen Durchbruch warten, wahl­weise eben im Auto, im Restaurant, im Garten. Für den Nachwuchs ist die Kinderstube Hollywood nicht einfach. Im frühen Alter wird den Kleinen beigebracht, wie wichtig es ist, schön auszusehen und dass das äußere Erscheinungsbild womöglich bedeutender ist, als eine gute Freundin zu haben. Die Kids übernehmen solche Wertvorstellungen und bauen ihr Selbstbewusstsein auf Looks und Trends auf - eine wackelige Investition. Das Gefühl, gut genug zu sein, trifft man leider bei den wenigsten an.

In einem Hollywood Teenagerleben dreht sich alles um Shopping, Sty­len und Auffallen. Planet Blue, der Szeneshop in Malibu, Venice und Beverly Hills ist voll mit jungen Schönheiten, die sich die Klamotten für das richtige Styling aussuchen, denn hier gibt es die Dinge, die auffallen ... nur leider mit Glamour nichts zu tun haben. Dabei ist Hollywood doch gerade dafür be­kannt. Man denkt an die Golden Globes oder die Oscarverleihung. Tatsächlich sind diese Ereignisse seltene Ausnahmen, vom alten Glanz und Stil Hollywoods sind nur noch Spuren wiederzufinden. Warum? Kaum einer hinterfragt, keiner vermag es zu beantworten.

Schönheit war in Hollywood natürlich immer schon ein Thema. Doch für das legendäre Flair sorgten echte Star­charaktere, Schauspieler und Künstler, mit zumeist schönem, aber vor allem eigenem Gesicht. Was ist dagegen die heranwachsende Holly­wood-Schönheit von heute? Ist das Lindsay Lohan, die aus Versehen ihr Gesicht verunstaltet hat, weil sie sich zu viel hat in die Lippen spritzen lassen, und die außerdem nicht mehr durch schauspielerische Qualitäten auffällt, sondern nur noch durch Exzesse. Paris Hilton? Ganz ehrlich, die Kinder der meisten unserer Freunde in L.A. sind problematisch. Entweder sie sind durch Drogen ums Leben gekommen oder sie bewegen sich auf die­ses Ziel zu, zwischen Rehab und Verrückt­heiten. Wenig ist maßvoll oder normal. Eher extrem. Extreme detox, extreme drugs, extreme diet, extreme workout, je­de kleine Lust wird zum Fanatismus.

So, wie Wein und Es­sen das Leben berei­chern, ist es auch an­genehm, durch scho­nende ästhetische Maßnahmen jünger und frischer auszuse­hen. Doch leider sind Alkoholismus, Essstörungen und entstellte Gesichter in Hollywood an der Tagesordnung. Irgendwie ist der Blick für das Maß verloren gegan­gen, auch der Blick für das ästhetische Maß. Ist Frau Beckham noch als schön zu bezeichnen? Nachdem Victoria jetzt auch noch täglich joggt, sie nur Weintrauben isst, sieht man sie fast gar nicht mehr - so dünn und knochig ist sie geworden. Zuletzt habe ich auf einem Bild, das sie als Jurorin bei ?American Idol" zeigt, entdeckt, dass sie doch tatsächlich Volumen in ihren Wangen hat. Apfelbäckchen! (Das Ergebnis von Unterspritzung einer dickflüssigen Hyaluronsäure). Bei Frau Beckham! Macht sie das wirklich attraktiver??

Ist mehr denn immer mehr? Offensichtlich nicht. Muss man jemandem unbedingt ansehen, dass Volumen gespritzt wurde? - Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich finde die Technik, Volumen in die Wangen zu geben, sensationell. Es gehört zu meinem Beruf.

Aber bitte bei jenen Frauen, bei denen der Fettkörper auf den Wangen abgesunken ist und bei denen sich dunkle Schatten unter den Augen zeigen. Da macht es Sinn. Ästhetisch einwandfrei ist die Technik auch bei Frauen, die kein prominentes Jochbein haben, doch bitte nicht bei Frau Beckham!

Ist Schönheit nur noch vom Arzt, Personal Trainer oder vom Nutritionisten vorgegeben? Oder vom Friseur? Was empfinden denn die Schönheitschirurgen in Hollywood als schön? Schließlich sind sie maßgeblich am Wahn beteiligt. Kommt es überhaupt darauf an, was sie schön finden, oder eher da­rauf, wie viel sie verdienen wollen. Macht viel Botox schön oder nicht leider nur komisch und schräg? Wortwörtlich. Die amerikanischen Ärzte neigen dazu, viel zu korrigieren und viel Material zu verwenden. Dabei geht der ästhetische Blick immer häufiger verloren und auch der Charakter im Gesicht des Patienten. Die Kunst besteht ja gerade darin, die natürliche Schönheit zu betonen, ohne Katastrophen zu pro­duzieren. Meg Ryan hat ihr tolles Image ruiniert durch eine Lippe, die niemand gern küssen möchte. O-Ton eines Verflossenen: ?Da sind so komische Kügelchen drin und das stört beim Küssen." Immerhin war dieser Umstand dann auch der Grund für das Ende der Liaison.

Noch so ein trauriges Beispiel ist Melanie Griffith, sie war eine schöne Frau, und Heather Locklear - oh my god!!! Und was hat Daryl Hannah nur mit ihrem Charaktergesicht anstellen lassen! Der Witz ist: Man sieht ja gar nicht jünger aus, nur wie der Plastikklon aller Patienten desselben Schönheitschirurgen. Auch erliegen Frauen einem Trugschluss, wenn sie sich die Nasolabialfalte mit vier Ampullen, statt nur mit einer, wegspritzen lassen. Es bringt nicht mehr. Geliftet wird mittlerweile nicht mehr mit 60 Jahren, sondern mit 45, und das dann alle fünf Jahre. Alles einfach zu viel. Der Mund wird breit, das Gesicht mutiert zu einem Pfannkuchen. Und hinterher sehen alle gleich aus, gleich schrecklich. Und trotzdem alt. Oftmals werden sie durch ein Zuviel an Eingriffen sogar älter geschätzt, als sie sind. Hui!

Doch wer viel einspritzt, rechnet eben auch viel ab. Dienstleistungen, die gerade im Trend liegen, sind in L.A. wahnsinnig teuer. Eine simple Gesichtsbehandlung für 600 Dollar, bitte sehr. Und Amanda, die zwar ins Haus kommt, kassiert für Maniküre, Pediküre oder für das Waxen mal eben 800 Dollar. Oder Dr. K, der für eine Spritze Restylane in die Mundwinkel 5000 Dollar berechnet. Wie bitte? Ja, Sie haben richtig gelesen, das sind die Sätze jener Beautyhelfer, die täglich ausgebucht sind. Oder die Jungs, die einem die Haare für die Oscar-Verleihung machen. Eineinhalb Stunden später gehen sie wieder, 1500 Dollar reicher. Wahrscheinlich müssen sie es aber auch nehmen, denn wer weiß, wie lange sie noch gefragt sind.

Schönheit lassen sich alle etwas kosten. Wie Mrs Kidman. Sie kann so herzlich lachen. Bloß ohne Mimik. Denn Mimik macht Falten, und Falten machen alt! Der Beruf? Schauspielerin? Ist doch egal. Seit wann brauchen Schauspieler denn unterschiedliche Gesichtsausdrücke, wenn man auch mit dem perfekten Einheits-Wachslook in die Kamera gucken kann? Die Regisseure haben es schon sehr schwer mittlerweile. Denn die Schönheitsarbeiten verselbstständigen sich. Mitten im Dreh wird kurzerhand Botox gespritzt. Mit Hämatomen und verändertem Look muss dann weitergedreht werden. In der Filmwelt herrscht darüber eine gewisse Verzweiflung.

Andererseits entscheidet das Äußere über die berufliche Existenz, und deshalb sei allen, die ständig im Fokus der Kamera stehen, eine gewisse Eitelkeit zugestanden. Zudem stehen die Berühmtheiten tatsächlich immer vor der Linse, auch wenn der Drehtag vorbei ist. Denn in Hollywood wimmelt es nur so von Paparazzi. An jeder Ecke lauern sie. Sie kennen die Autos und Kennzeichen ihrer Opfer, den Lieblings-Italiener oder auch den Friseur, zu dem derzeit alle wallfahren. Dabei bleiben Paparazzi verhasst und geliebt. Ohne sie kein Rampenlicht und kein Erfolg. Wichtig ist nur, wer verfolgt wird. Aber wer verfolgt wird, fühlt sich auch gehetzt und unfrei, kommt innerlich nicht zur Ruhe und sieht sich nur noch durch die Augen des Publikums. Wer schafft es da denn noch, bei sich selbst zu bleiben? Sich nicht für die Erwartungen von außen zu verunstalten?

Zum Glück gibt es Frauen, die noch den Überblick über ihr Schönheitsempfinden behalten und sich nicht erbarmungslos dem Hungertod oder den Chirurgen ausliefern, wie etwa Kate Hudson, Demi Moore oder auch Sharon Stone. Ich finde Frauen gut wie Elle MacPherson, die es schaffen, ihren Körper in Form zu halten, ohne ihn zu verunstalten. Durch Fitness, alle paar Wochen mal eine Woche nur Rohkost als De­tox-Maßnahme, ab und zu eine Mesotherapie (durch Mikroinjektion wird ein Gemisch aus körpereigenen Proteinen und nicht stabilisierter Hyaluronsäure in die oberen Hautschichten eingebracht. Eine solche ?Pflegekur" frischt die Haut auf, nährt sie, regt die Kollagen-Synthese an, macht die Haut widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse und verlangsamt den Alterungsprozess. Die Mesotherapie eignet sich zudem zur Glättung feinerer Falten), das eine oder andere kosmetische Hilfsmittel halt ... aber alles in Maßen. Diese Frauen (und Männer!) haben etwas, was wirklich beeindruckt: Frische und Charisma.


Ansichten eines letzten Gentleman

Die Menschen sind heutzutage attraktiver als zu der Zeit, in der ich aufwuchs. Wohin man schaut, es gibt allgemein viel mehr gut aussehende Männer und Frauen. Vermutlich deshalb, weil die Menschen mehr auf sich und ihren Körper achten. Sie essen besser, machen Sport, gehen bewusster mit Alkohol und Zigaretten um, versorgen sich mit Extra-Vitaminen und nutzen die verschiedensten Beauty-Hilfsmittel, ganz zu schweigen von Botox, Hyaluroninjektionen, Mini-Liftings und chirurgischen Runderneuerungen. In puncto Aussehen haben wir vergangenen Tagen wirk­lich einiges voraus. Aber nicht in Sachen Stil und Kleidung! Als ich im Filmgeschäft anfing, gehörte es einfach dazu, immer gut gekleidet zu sein. Der größte Schreck bei einem Autounfall wäre der gewesen, in einem Wrack eingeklemmt zu sitzen und dabei nicht blendend auszusehen! Heute sind Filmstars nur noch bei den Academy Awards stilvoll gekleidet. Ansonsten sind Jeans, Shorts und Sneakers an der Tagesordnung. Wenn Mann und Frau von heute noch die Kunst des Ankleidens beherrschen würden, tja, dann hätten sie alles! Vielleicht sollte es einfach mehr Award Shows geben ? am besten jede Woche, um dem ?Casual Friday?-Outfit ein Schnippchen zu schlagen. Und die Grammys heben wir für Halloween auf ?wenn Lady Gaga einverstanden ist.

George Hamilton

 

©2009-2011, Dr. med. Barbara Sturm
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